Labels, Logos und Zertifizierungen – Verbraucher irren im Schilderwald

Deutschland gilt als Hochburg im Schilderwald. Besonders im Lebensmittelbereich tummeln sich hunderte bunter Logos auf den Waren des täglichen Bedarfs. Zwischen laktosefreiem Käse und Fair-Trade-Kaffee finden sich vegane Krautrouladen oder glutenfreier Pizzaboden im Kühlregal. Verpackungen sind frei von Mineralölen und Weichmachern – fast alles kann per Siegel und Label zertifiziert werden. Erst vor wenigen Tagen wurde über ein Tierwohl-Label berichtet, welches Landwirtschaftsminister Christian Schmidt gern in die Tat umsetzen würde. Zwischen all den Labels, Logos und Zertifizierungen irrt der Verbraucher umher. Das Dossier des Thünen-Instituts beschreibt es treffend:

Die Zahl an Labels, Logos und Siegeln im Handel steigt. Hersteller, Handel und Politik erwarten von den Verbrauchern, dass sie die Kennzeichnungen verstehen und ihr Kaufverhalten entsprechend ausrichten. Verbraucher sehen sich mit einer Flut an Informationen konfrontiert und sind zunehmend überfordert.

Manche Label sind staatlich geprüft, manche einfach „nur“ Aussagen der Marketingabteilung. Selten fällt es da einfach, den Überblick zu behalten. Fasst man Unterteilungen zusammen und rationalisiert Aussagen von Herstellern, bleibt eine Hand voll wirklich wichtiger Zertifizierungen übrig.

Bio-Standards – Der Beginn der Analyse- und Zertifizierungssucht

Bio-Standards dienen der Aufklärung für den Verbraucher und zeigen die teils gravierenden Unterschiede zu konventionellen Standards auf. Zwischen den uns bekannten herkömmlichen Anbau- und Viehaltungsmethoden und einem Bio-Standard, liegen durchaus Welten in der Qualität eines Produktes. Heute sind Bio-Zertifizierungen selbst bei konventionellen Herstellern nicht mehr weg zu denken. Mit der Einführung des Bio-Standards wurde besonders im letzten Jahrzehnt eine regelrechte Zertifizierungssucht losgetreten.

Dass es an manchen Stellen trotz Bedarf nicht immer zu zertifizierbaren Regelungen kommt, möchte ich am Beispiel von Glyphosat verdeutlichen. Mittlerweile kann das Pflanzenschutzmittel als Pestizid-Rückstand in vielen Lebensmitteln nachgewiesen werden. Zuletzt machte 2016 eine Meldung die Runde, dass es in grenzüberschreitender Menge in Bier festgestellt wurde. Da das öffentliche Interesse sehr groß ist, über politische Wege jedoch bisher nichts unternommen wurde, nahm sich die Heinrich Böll Stiftung dieses Thema an. Über 2.000 Probanden nahmen daran teil – und trugen die Kosten sogar selbst. Johannes Heimrath von der Bürgerinitiative Landwende erklärte:

Mit dieser Aktion wollten wir herausfinden, wie weit Glyphosat bereits in die Umwelt vorgedrungen ist. Bisherige Untersuchungen basierten stets nur auf kleinen Datenmengen im zweistelligen Bereich. Nun haben wir über 2000 Datensätze, und 99,6 Prozent der Proben enthalten Glyphosat – das heißt, wir alle sind belastet. (…)

Und so könnte man über mehrere Dutzend anderer Schadstoffe berichten. Dazu kommen fragwürdige Inhaltsstoffe, qualitätsmindernde Lagerungen oder gestresste und mit Medikamenten vollgestopfte Tiere. All dieser Wahnsinn müsste sich in Folge über Labels zertifizieren lassen. Doch selbst wenn: Wer will entscheiden, was Pflicht ist und was nicht?

Labels, Logos und Zertifizierungen – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Trotz allem Label-Wahns: Es ist grundlegend richtig, auf Labels zu achten. Der Bio-Standard macht es uns dabei noch am einfachsten, denn dieser deckt gleich eine ganze Reihe von Deklarierungen ab. So findet sich im Bio-Bereich zum Beispiel kein Gentechnikfrei-Logo. Unter biologischen Standards produzierte Lebensmittel dürfen ohnehin nicht mit gentechnikbelasteten Zutaten hergestellt werden. „Bio“ heißt aber wiederum nicht gleich vegetarisch, vegan oder laktose- und glutenfrei. Für laktose- und glutenfreie Produkte gibt es eigene Zertifizierungen, sicherlich auch weil hier der Markt an Menschen mit Unverträglichkeiten und Allergien immer größer wird.

In der Kosmetik-Branche tauchen auch immer öfter Logos auf, besonders im Bereich der Naturkosmetik. Frei von Aluminiumverbindungen und Zusätzen der Mineralölindustrie sind dabei die häufigsten Aussagen. Und wer sich bisher gewundert hat, ob man eine vegane Handcreme auch essen kann: Hiermit wird dargestellt, dass keine Tierversuche stattgefunden haben und auch sonst keine tierischen Inhaltsstoffe verwendet wurden.

Wer sich bei den Labels auskennt, der kann schnell und ohne Hürde die Inhaltsstoffe lesen, ohne sie zu kennen. Dies birgt natürlich auch ein Risiko für Missverständnisse und schwarze Schafe. Die Kontrollinstanzen sind daher sinnvoll, doch kann sich diese nicht jedes (kleine) Unternehmen leisten.

Was sind die hochwertigsten Zertifizierungen?

Ein bekanntes Siegel ist das grüne Bioland-Logo sowie der orangefarbene Demeter-Schriftzug. Demeter garantiert zum Beispiel, dass die präventive Vergabe von Antibiotika oder Wachstumshormone für Milchkühe verboten sind. Auch der Einsatz von Pestiziden wird drastisch reduziert bzw. teilweise auf null gefahren. Die besonderen Richtlinien des Demeter-Siegels, aber auch jene von Bioland, sind deshalb besonders hervorzuheben, stehen sie noch oberhalb der gängigen Bio-Siegel. Doch das Konzept umfasst noch mehr als einen qualitativ hochwertigen Herstellungsprozess oder die Regulierung von verwendeten Inhaltsstoffen. Auch auf alternative Energien und Transportmöglichkeiten der Rohstoff-Erzeuger und Hersteller wird geachtet.

Der Sinn hinter biologischen Lebensmitteln geht also noch weitaus tiefer, als so manch einer denken mag. Ein wichtiger Grundgedanke dabei: Biologisch erzeugte Lebensmittel sind keine Erfindung der Neuzeit. Sie gab es schon immer. In der heutigen Welt verfahren jedoch die meisten (vor allem großen) Hersteller stets nach der günstigsten Produktionsmethode, wodurch eine biologische Erzeugung nicht möglich ist. Im Gegenteil: Die konventionellen Viehaltungs-, Anbau-, und Produktionsmethoden sind es, die erst seit den letzten 60 Jahren extrem an Bedeutung zugenommen haben, weshalb wir heute eine Abgrenzung durch die Bio-Standards erleben.

Aber auch Siegel wie das GMP-Logo (GMP = good manufacturing practises, zu Deutsch: Gute Herstellungspraktiken) auf Produkten wie Nahrungsergänzungsmitteln ist ein Garant für Qualität. Im Grunde ist es ein Qualitätsstandard für Apothekenprodukte und Medikamente, die zu 100 Prozent nicht verunreinigt sein dürfen. Manche Unternehmen, die Nahrungsergänzungsmittel anbieten, machen sich dieses Prädikat zu Nutze. Produkte, die das GMP-Logo tragen, gehören zu den am besten produzierten.

Fazit – Was sind heute die wichtigsten Siegel und Zertifikate?

Die Zunahme der Siegel, Labels, Logos und Zertifizierungen signalisiert, dass Verbraucher zwar offen für Informationen über Herkunft, Herstellung und Qualität sind. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass bestimmte Institutionen viele Millionen Euro mit der Ausstellung dieser Labels verdienen und einige davon sicherlich nicht unbedingt nötig wären. In der Praxis ist es oftmals sogar so, dass kleine Hersteller bestimmte Zertifizierungen nicht leisten können, obwohl sie in dieser Qualität produzieren (siehe Bio-Siegel). Nach außen hin heißt ein Fehlen eines Logos daher nicht gleich, dass es nicht doch so ist – und umgekehrt. Am Ende ist der Verbraucher trotz Siegel und Zertifizierungen gefragt und wird häufiger denn je aufgefordert, sich mit den Produkten, die er kauft, zu beschäftigen.

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